Auf dem Socialcamp in Berlin (ich war leider nur am Samstag, 14. Juni, da) nutzte ich die Möglichkeit in kleiner Sessionrunde ein paar Fragestellungen der Masterarbeit zu diskutieren. Ich wollte vor allem wissen, wie ein unternehmensgetriebener Online-Dialog von den Stakeholdern angenommen werden würde und was dieser mitbringen sollte.
Für die erste Reaktion auf die Idee versuchte ich mit einer groben Skizze, um nicht ein komplett vorgezeichneten Bild zu produzieren, spontane Meinungen einzuholen. Zunächst fiel die Skepsis auf die Form des Dialoges. Der Vorschlag Wikis einzusetzen wäre ausufernd, vor allem wenn keine Zeitbegrenzung festgelegt werde. Ellenlange Texte auf der Webseite und die schwache Betonung der Diskussion wirke wenig motivierend. Argumente und Gegenargumente könnten nicht genau nachvollzogen werden. Abhilfe könne eventuell eine Diskussionsplattform schaffen, die über eine eher aufwendige Software Zusammenfassungen der Diskussion generiere und so den Einstieg erleichtere. Eine zweite Option wäre eventuell ein Ideenmanagementprogramm (dazu werde ich mir noch ein Universitätsprojekt von Leon angucken).
Ein weitere Frage, die aufgeworfen wurde, war warum Unternehmen überhaupt ihren Stakeholdern die Möglichkeit anbieten sollten, sich auf der unternehmerischen Dialog-Webseite vernetzten zu können. Letztendlich könne sich dies auch nachteilig auswirken, da Stakeholder, die sich vorher nicht gegenseitig als Interessensgruppierung identifiziert hätten, nun diese Gelegenheit ergreifen könnten. Allerdings erhielten die Unternehmen gleichzeitg die Chance, eine bessere Beziehung zu den Stakeholdern aufzubauen. Dadurch können kritische Entwicklungen frühzeitig aufgriffen werden und im Dialog nach Lösungen gesucht werden. Im regelmäßigen Abstand ließe sich so eine Agenda formulieren, die innerhalb des Unternehmens abgearbeitet werden müsste. Zwar könne ein Konkurrent bei einer öffentlichen Plattform ebenfalls hiervon profitieren, erführe aber nicht die gleiche Reputationssteigerung.
Der dritte Einwand bezog sich auf die Glaubwürdigkeit des Dialogs. Kritiker könnten Greenwashing vorwerfen. Ob daher die Auslagerung des Dialogs auf die Webseite Dritter bzw. die Moderation durch Dritte geführt werden sollte, blieb nicht eindeutig beantwortet. Die grundsätzliche Argwohn gegenüber von unternehmerischen Aktionen, ausschließlich Marketing und Werbung betreiben zu wollen, wird auch nicht durch ein angebliches "Aus-der-Hand-geben" gemildert. Besser wäre vermutlich ein nach außen transparent dargestellter Lernprozess im Unternehmen, indem angemessene Maßnahmen ergriffen und kommuniziert werden. Die Bedürfnisse des Stakeholders sollten ernst genommen werden und das Verhältnis so kooperativ wie möglich gestaltet werden. Die intensive Zusammenarbeit stelle eine Chance für die Nachhaltigkeit eines Unternehmens dar. Angeführt wurden hier verschiedenste Beispiele für Kooperationen, in gewisser Konstellation auch Crowd Sourcing genannt. Darunter auch das Eröffnungsbeispiel aus Wikinomics von Goldcorp., einer Goldminengesellschaft, die am Rande des Ruins stand, und durch die Veröffentlichung aller Lagepläne, neue Goldvorkommnisse erschließen konnte. Dies ließe sich auch auf Bereiche der Ökologie, Gesellschaft und die nachhaltige Geschäftstätigkeit übertragen. Unter anderem könnten die Mitarbeiter eines Unternehmens durch bedürfnisorientierte Aussagen entlastet werden, wenn diese kritische Entscheidungen treffen müssen.
In einem kleinen thematischen Ausflug stellten wir fest, dass soziale Bewegungen wichtige Treiber für wichtiger Veränderungen in der Wirtschaft und Politik sind und deswegen ihre Bedeutung stets Rechnung getragen werden sollten.
Zum Abschluss kamen wir überein, das ein Wiki gerade der kooperativen Zusammenarbeit eine gute Plattform biete. Damit diese aber funktioniere, wäre es notwendig:
- Den Prozess des Dialogs offen und transparent darzustellen,
- Eine zeitliche Beschränkung festzulegen (u.a. auch damit das Wiki nicht ausufert und letztendlich demotivierend auf Neueinsteiger wirke),
- Konkrete Fragestellungen zu formulieren und Ziele des Dialogs zu verdeutlichen,
- Gewonnene Erkenntnisse zu nutzen und in Unternehmensentscheidungen einfließen zu lassen (setzen einer Agenda),
- Den abgeschlossenen Dialog als Dokumentation online nachlesbar zu belassen.
Danke an Leon, John, Markus und X (ich habe leider den Namen nicht drauf, sag mir bitte Bescheid!) für die anregende Diskussion und den Input, es hat echt Spaß gemacht!
Für weitere Diskussionen werde ich in Zukunft doch wenige Folien vorbereiten, die unklare Begriffe erklären, z.B. Stakeholderdialoge. Noch eine schöne Anmerkung von X : Dialog ist griechisch und bedeutet "von zwei Personen abwechselnd geführte Rede u. Gegenrede" (eben nochmal nachgeschaut im Duden) und Diskussion heißt aus dem lateinischen übersetzte viel mehr "zerfetzen des Wortes des anderen". Das sollte man sich im Bezug auf die Konzeption von Stakeholderdialogen merken, schon aus rein philosophischen Gesichtspunkten.
Abschließend ein herzliches Dankeschön an die Organisatoren! Ich fand die Veranstaltung sehr gelungen.
Online-Stakeholder-Dialog



